Le Journal Spirou und seine Bedeutung für die frankobelgische Comicgeschichte
Das Magazin Spirou zählt zu den wichtigsten Comicmagazinen Europas. Viele heute als Klassiker geltende Serien wurden dort erstmals veröffentlicht oder groß gemacht. Dazu zählen Spirou und Fantasio, Lucky Luke, Gaston, Die Schlümpfe, Marsupilami und viele weitere Reihen, die bis heute gelesen, gesammelt und neu aufgelegt werden.
Die Anfänge des Magazins Spirou
„Le Journal Spirou” wurde 1938 vom belgischen Verlag Dupuis gegründet. Namensgeber war die Figur Spirou, ein junger Hotelpage in roter Uniform. Der Name „Spirou“ stammt aus dem Wallonischen und bedeutet sinngemäß so viel wie „Eichhörnchen“ oder „lebhafter Junge“. Das passt ziemlich gut, denn von Anfang an stand Spirou für Beweglichkeit, Abenteuer und eine gewisse freche Energie. Die erste Ausgabe erschien am 21. April 1938.
Die Titelfigur wurde zunächst von Rob-Vel geschaffen. Doch wie bei vielen langlebigen Comicfiguren wurde Spirou später von verschiedenen Zeichnern weiterentwickelt. Besonders wichtig war André Franquin, der Spirou und Fantasio entscheidend prägte und einige der bekanntesten Figuren der Serie schuf.
Spirou als Ursprung vieler großer Comicserien
Das Besondere an „Le Journal Spirou” war, dass das Magazin nicht nur eine einzelne Figur in den Mittelpunkt stellte. Zwar war Spirou der Namensgeber, doch schnell entwickelte sich das Heft zu einer Plattform für viele unterschiedliche Serien.
Die Leser bekamen Woche für Woche neue Fortsetzungen, kurze Gag-Seiten und längere Abenteuer. Viele dieser Geschichten erschienen zunächst im Magazin und wurden später als Alben veröffentlicht. Dieses Prinzip war lange typisch für die frankobelgische Comicwelt.
Zu den bekanntesten Serien, die eng mit Spirou verbunden sind, gehören Spirou und Fantasio, Gaston, Die Schlümpfe, Marsupilami, Lucky Luke, Boule und Bill, Buck Danny, Natascha und viele weitere. Dadurch wurde das Magazin zu einer echten Talentschmiede und zu einem zentralen Ort für die Entwicklung europäischer Comics.
Der typische Spirou-Stil
Während das Magazin Tintin für den Stil der „Ligne claire“ mit seinen klaren Linien, ruhigen Kompositionen und sehr sauberen Bildern steht, entwickelte sich rund um Spirou ein anderer Stil. Dieser wird häufig als „Marcinelle-Stil“ bezeichnet, benannt nach dem Sitz des Verlags Dupuis.
Dieser Stil ist dynamischer und bewegter. Die Figuren wirken elastischer, die Gesichtsausdrücke sind überzeichneter und die Panels haben mehr Schwung. Gerade André Franquin brachte diese Art des Erzählens zur Perfektion. Die Geschichten fühlen sich lebendiger an, wohingegen Tintin eher statisch wirkt.
Bekannte Vertreter dieses Stils sind Jijé (Spirou, Jerry Spring, Tanguy und Laverdure), André Franquin (Spirou, Gaston, Marsupilami), Morris (Lucky Luke), Will (Harry und Platte), Peyo (Die Schlümpfe, Johann und Pfiffikus) und Maurice Tillieux (Jeff Jordan)
Der große Konkurrenzkampf mit Tintin
Le Journal Spirou stand lange in direkter Konkurrenz zu Le Journal de Tintin.
Letzteres unterschied sich nicht nur im Zeichenstil, sondern war auch stärker auf klassische Abenteuer wie Tim und Struppi, Rick Master, Michel Vaillant, Blake und Mortimer ausgerichtet. Spirou war dagegen wilder und humorvoller (Spirou, Gaston, Harry und Platte, die blauen Boys). Natürlich ist diese Trennung nicht immer absolut, aber als grobe Einordnung ist sie sehr hilfreich.
Dieser Wettbewerb war für die Comicwelt enorm wichtig. Die beiden Magazine spornten sich gegenseitig an. Künstler entwickelten eigene Stile, Verlage suchten nach neuen Serien und die Leser profitierten von einer unglaublichen Vielfalt. Ohne diesen Konkurrenzkampf würde die frankobelgische Comiclandschaft heute vermutlich ganz anders aussehen.
Warum Le Journal Spirou bis heute besonders ist
Viele andere Comicmagazine sind längst vom Markt verschwunden. So wurde Le Journal de Tintin beispielsweise 1988 eingestellt. Spirou hingegen existiert bis heute, wenn auch in deutlich niedrigerer Auflage. Das allein zeigt, wie stark die Marke und das Konzept des Magazins sind.
Natürlich hat sich Spirou im Laufe der Zeit verändert. Die heutige Comicwelt ist nicht mehr dieselbe wie in den 1940er-, 1950er- oder 1960er-Jahren. Alben, Gesamtausgaben, Manga und digitale Veröffentlichungen haben die Lesegewohnheiten nachhaltig verändert. Trotzdem hält Spirou bis heute an der Idee fest, Comics regelmäßig in Magazinform zu veröffentlichen.
Bedeutung für Sammler
Für Sammler sind alte Ausgaben von Le Journal de Spirou (oder von Tintin) besonders interessant. Sie enthalten nicht nur frühe Veröffentlichungen bekannter Serien, sondern zeigen auch den ursprünglichen Kontext, in dem viele Comics gelesen wurden.
Ein Album präsentiert eine abgeschlossene Geschichte. Ein Magazin hingegen präsentiert die Entwicklung und das Umfeld: Werbung, redaktionelle Texte, andere Serien, die damalige Gestaltung sowie manchmal auch Vorabversionen oder frühe Fassungen.
Wer sich für frankobelgische Comics interessiert, entdeckt durch alte Spirou- (oder Tintin-)Ausgaben oft eine ganz andere Seite der Comicgeschichte. Man sieht, wie Serien gewachsen sind, wie sich Figuren verändert haben und welche Geschichten damals nebeneinander gelesen wurden.